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22.09.2007
»Ladli«

Fazal Sheihk hat in den vergangenen Jahren Menschenrechtsverletzungen weltweit, insbesondere jedoch in Südasien, zum Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht. Dabei geht es ihm vor allem darum, Möglichkeiten zum Verständnis der betroffenen Menschen zu eröffnen. Sie stehen auch im Mittelpunkt seines neuesten Bildbandes »Ladli« - Hindi für »geliebte Tochter« - in dem er in eindrucksvollen Portraits die Situation von Mädchen und Frauen in Indien festhält. Das zutiefst beeindruckende Buch wurde gemeinsam mit dem Vorgänger »Moksha« mit dem Henri Cartier-Bresson Preis ausgezeichnet.

Dieses Buch basiert auf einem meiner früheren Bücher, »Moksha«, über das Leben von Frauen in Indien, die nach dem Tod ihres Mannes von ihrer Familie verstoßen und oft auch misshandelt wurden, so dass sie von zu Hause weggingen und wie Hunderttausende anderer Hindu-Witwen vor ihnen zur heiligen Stadt Vrindavan pilgerten. Dort widmeten sie den Rest ihres Lebens der Verehrung ihres Gottes Krishna. Die Geschichten, die diese Frauen mir erzählten - wie sie noch als Kinder verheiratet wurden, wie ihre Männer sie misshandelt oder verlassen haben, wie sie von ihren Schwiegereltern missbraucht wurden, wie ihnen die Selbstachtung genommen wurde, wie sie ihre Rechte und ihren Lebensunterhalt verloren - berichteten von der Verletzlichkeit von Frauen in der traditionellen indischen Gesellschaft. Ich wurde mir bewusst, dass Frauen sogar heute, wo Indien Anschluss an die Wirtschaft der »ersten Welt« bekommt, schon ab der Empfängnis allein aufgrund ihres Geschlechtes zu potentiellen Opfern eines patriarchalischen Systems werden, das stillschweigend ihre Ausnutzung, Misshandlung und sogar ihren Tod duldet.

Ich kam 2005 nach Indien zurück um herauszufinden, was die Frauen von Geburt an, Mütter wie Töchter, erdulden müssen. Viele ihrer Erfahrungen der Unterwerfung sind gruselig, fast unglaublich für uns, die wir in einer liberaleren Gesellschaft aufgewachsen sind. In Indien ist ein Mädchen eine Last. Es muss immer geschützt werden, kann den Familiennamen nicht weitergeben, und es kostet die Familie irgendwann viel Geld, wenn sie eine Mitgift erhält, damit sie einen Mann bekommt. Die Vorliebe für den männlichen Nachwuchs führte dazu, dass Hunderttausende von Mädchen ausgesetzt oder bei der Geburt getötet wurden oder mit dem Einzug der Ultraschalluntersuchungen, abgetrieben wurden. Als ich in den Medien las, wie Indien für seinen wunderbaren Einstieg auf der Bühne der Weltwirtschaft gefeiert wird, fragte ich mich, wie die Aussichten von Frauen in so einem Land sind, das sich auf dem Weg in eine prächtige Zukunft befindet.

Copyright: Fazal Sheikh
Übersetzung: Martina Müller-Tellmann
Die Internetseite von Fazal Sheikh.
Fazal Sheikh:
Ladli
Steidl Verlag, Göttingen 2007
ISBN 978-3-86521-381-5
25,00 Euro

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»Frauen tragen die Hälfte des Himmels.«
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